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Folgen und Grenzwerte

Folgen bilden, ihr Verhalten beschreiben und Grenzwerte berechnen.

Voraussetzungen: Potenzen, Brüche, Wurzeln und das Umformen von Termen.

Das kannst du danach

  • Explizite und rekursive Folgen lesen und umwandeln
  • Bildungsgesetz aus den ersten Gliedern erkennen
  • Monotonie und Beschränktheit sauber nachweisen
  • Grenzwerte mit den Grenzwertsätzen und der e-Formel berechnen
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1. Folgen lesen

Eine Folge ordnet jedem Index nn eine Zahl ana_n zu. Prüfe, ob die Nummerierung bei 00 oder 11 beginnt.

Explizit: an=2n+1a_n=2n+1 liefert das Glied direkt. Rekursiv: a1=3, an+1=an+2a_1=3,\ a_{n+1}=a_n+2 braucht einen Anfangswert.

Beide Vorschriften ergeben für n≥1n\ge1 die Folge 3,5,7,9,…3,5,7,9,\dots.

2. Arithmetisch oder geometrisch?

ArtErkennungsmerkmalFormel für n≥1n\ge1
ArithmetischKonstante Differenz ddan=a1+(n−1)da_n=a_1+(n-1)d
GeometrischKonstanter Faktor qqan=a1qn−1a_n=a_1q^{n-1}

Beispiel

Bei a1=5a_1=5 und d=3d=3 gilt a10=5+9⋅3=32a_{10}=5+9\cdot3=32.

Bei a1=80a_1=80 und q=12q=\frac12 gilt

a4=80(12)3=10.a_4=80\left(\frac12\right)^3=10.

Bei Zinseszinsen startet die Zeit oft bei 00: Kn=K0(1+p)nK_n=K_0(1+p)^n.

3. Die Fibonacci-Folge

Das Standardbeispiel einer Rekursion zweiter Ordnung: Jedes Glied ist die Summe seiner beiden Vorgänger.

Rekursiv:

f1=1,f2=1,fn+2=fn+1+fn (n≥1).f_1=1,\quad f_2=1,\qquad f_{n+2}=f_{n+1}+f_n\ (n\ge1).

Weil die Vorschrift zwei Vorgänger benutzt, genügt ein einzelner Startwert nicht — es braucht zwei. So entstehen die Glieder:

1, 1, 2, 3, 5, 8, 13, 21, 34, 55, 89, 144,…1,\ 1,\ 2,\ 3,\ 5,\ 8,\ 13,\ 21,\ 34,\ 55,\ 89,\ 144,\dots

Die Folge ist weder arithmetisch (Differenzen 0,1,1,2,3,…0,1,1,2,3,\dots) noch geometrisch (Quotienten 1,2,1,5,…1,2,1{,}5,\dots), streng monoton steigend ab f2f_2 und unbeschränkt, also divergent.

Explizit (Formel von Binet): Mit dem goldenen Schnitt φ=1+52\varphi=\frac{1+\sqrt5}{2} und ψ=1−52\psi=\frac{1-\sqrt5}{2} gilt

fn=φ n−ψ n5.f_n=\frac{\varphi^{\,n}-\psi^{\,n}}{\sqrt5}.

Woher kommt die Formel?

Setze den Ansatz fn=xnf_n=x^n in die Rekursion ein:

xn+2=xn+1+xn∣  :xn⟹x2=x+1.x^{n+2}=x^{n+1}+x^n \quad\Big|\;:x^n \qquad\Longrightarrow\qquad x^2=x+1.

Die charakteristische Gleichung x2−x−1=0x^2-x-1=0 hat nach der Mitternachtsformel genau die Lösungen φ\varphi und ψ\psi. Die allgemeine Lösung lautet fn=Aφn+Bψnf_n=A\varphi^n+B\psi^n; aus f1=f2=1f_1=f_2=1 folgt A=15A=\frac1{\sqrt5} und B=−15B=-\frac1{\sqrt5}.

Beide Wege im Vergleich

RekursivExplizit
Vorschriftfn+2=fn+1+fnf_{n+2}=f_{n+1}+f_nfn=(φn−ψn)/5f_n=(\varphi^n-\psi^n)/\sqrt5
Startwerte nötigja: f1=f2=1f_1=f_2=1nein
f10f_{10}erst f3…f9f_3\dots f_9, dann 5555direkt einsetzen: 5555
Vorteilkurz, zeigt die Bauideespringt sofort zu jedem Index
Nachteilalle Vorgänger nötigWurzeln, Rundungsfehler

Probe für n=10n=10:

φ10−ψ105=122,992−0,0082,236=55.\frac{\varphi^{10}-\psi^{10}}{\sqrt5} =\frac{122{,}992-0{,}008}{2{,}236} =55.

Wegen ∣ψ∣≈0,618<1|\psi|\approx0{,}618<1 ist ψn\psi^n eine Nullfolge. Für große nn gilt daher fn≈φn/5f_n\approx\varphi^n/\sqrt5, gerundet auf die nächste ganze Zahl. Die Quotienten fn+1/fnf_{n+1}/f_n konvergieren gegen φ≈1,618\varphi\approx1{,}618.

4. Monotonie und Beschränktheit

Untersuche das Vorzeichen von an+1−ana_{n+1}-a_n:

  • positiv: streng wachsend;
  • negativ: streng fallend;
  • nichtnegativ bzw. nichtpositiv: monoton.
BezeichnungBedingungBeispiel
monoton steigendan+1≥ana_{n+1}\ge a_n1,1,2,3,3,…1,1,2,3,3,\dots
streng monoton steigendan+1>ana_{n+1}>a_nan=na_n=n, an=n2a_n=n^2
monoton fallendan+1≤ana_{n+1}\le a_n3,3,2,1,1,…3,3,2,1,1,\dots
streng monoton fallendan+1<ana_{n+1}<a_nan=1na_n=\frac1n
nicht monotonkeins von beideman=(−1)na_n=(-1)^n
konstantan+1=ana_{n+1}=a_nan=ca_n=c

Eine Folge heißt beschränkt, wenn sie von oben und von unten beschränkt ist, also feste Zahlen m,Mm,M mit m≤an≤Mm\le a_n\le M für alle Indizes existieren.

(n)n∈N=1,2,3,…(n)_{n\in\mathbb N}=1,2,3,\dots ist streng monoton steigend, aber nach oben unbeschränkt – also nicht beschränkt. Dagegen gilt für an=1na_n=\frac1n

0<an≤a1=1.0<a_n\le a_1=1.

Beispiel

an=1−1n,an+1−an=1n−1n+1=1n(n+1)>0.a_n=1-\frac1n,\qquad a_{n+1}-a_n=\frac1n-\frac1{n+1} =\frac1{n(n+1)}>0.

Außerdem gilt 0≤an<10\le a_n<1 für n≥1n\ge1. Die Folge wächst und ist beschränkt.

Eine monotone, beschränkte reelle Folge konvergiert. Beschränktheit allein reicht nicht: (−1)n(-1)^n springt zwischen −1-1 und 11.

5. Grenzwerte berechnen

an→La_n\to L bedeutet: Ab einem ausreichend großen Index liegen alle Folgenglieder beliebig nahe bei LL.

Eine Folge ana_n heißt konvergent, wenn sie einen Grenzwert besitzt:

lim⁡n→∞an=a.\lim_{n\to\infty}a_n=a.

Sonst heißt die Folge divergent. Eine Folge, die gegen null konvergiert, heißt Nullfolge.

Eine Folge, die monoton und beschränkt ist, ist auch konvergent. Umgekehrt gilt das nicht! an=(−1)nna_n=\frac{(-1)^n}{n} konvergiert gegen 00, ist aber nicht monoton.

Die vier Bausteine

Diese Standardgrenzwerte musst du auswendig können – auf sie läuft am Ende jede Rechnung hinaus.

BausteinGrenzwertBeispiele
1np\frac1{n^p} für p>0p>0→0\to01n, 1n2, 1n\frac1n,\ \frac1{n^2},\ \frac1{\sqrt n}
Konstante cc→c\to clim⁡5=5\lim 5=5
qnq^n mit ∣q∣<1\lvert q\rvert<1→0\to0(0,5)n→0(0{,}5)^n\to0
cn\sqrt[n]{c} mit c>0c>0, und nn\sqrt[n]{n}→1\to12n→1\sqrt[n]2\to1

Grenzwertsätze

Voraussetzung: ana_n und bnb_n sind konvergent mit lim⁡an=a\lim a_n=a und lim⁡bn=b\lim b_n=b. Nur dann darf der Limes auf die einzelnen Bausteine verteilt werden.

1. Summe und Differenz

lim⁡n→∞(an±bn)=lim⁡n→∞an±lim⁡n→∞bn=a±b\lim_{n\to\infty}(a_n\pm b_n) =\lim_{n\to\infty}a_n\pm\lim_{n\to\infty}b_n =a\pm b

2. Produkt

lim⁡n→∞(an⋅bn)=lim⁡n→∞an⋅lim⁡n→∞bn=a⋅b\lim_{n\to\infty}(a_n\cdot b_n) =\lim_{n\to\infty}a_n\cdot\lim_{n\to\infty}b_n =a\cdot b

3. Quotient (für b≠0b\ne0)

lim⁡n→∞anbn=lim⁡n→∞anlim⁡n→∞bn=ab\lim_{n\to\infty}\frac{a_n}{b_n} =\frac{\lim_{n\to\infty}a_n}{\lim_{n\to\infty}b_n} =\frac ab

4. Potenz mit festem Exponenten kk

lim⁡n→∞(an)k=ak\lim_{n\to\infty}(a_n)^k=a^k

5. Exponent mit nn. Bei lim⁡(an)n\lim(a_n)^n versagt Regel 4, weil der Exponent mitwächst. Stattdessen gilt

lim⁡n→∞(1+1n)n=e≈2,718oder allgemeinlim⁡n→∞(1+an)n=ea.\lim_{n\to\infty}\left(1+\frac1n\right)^n=e\approx2{,}718 \qquad\text{oder allgemein}\qquad \lim_{n\to\infty}\left(1+\frac an\right)^n=e^{a}.

Achte auf den Unterschied zwischen Regel 4 und 5: (1+1n)3→1(1+\frac1n)^3\to1, aber (1+1n)n→e(1+\frac1n)^n\to e. Ein fester Exponent darf mitgezogen werden, ein mitwachsender nicht.

Bei rationalen Ausdrücken teilst du durch die höchste Potenz von nn:

3n2+2n2n2−1=3+2/n2−1/n2⟶32.\frac{3n^2+2n}{2n^2-1} =\frac{3+2/n}{2-1/n^2} \longrightarrow\frac32.

Wichtige Fälle:

1n→0,∣q∣<1⇒qn→0.\frac1n\to0,\qquad |q|<1\Rightarrow q^n\to0.

Bei q>1q>1 wächst qnq^n unbegrenzt. Das ist kein endlicher Grenzwert.

6. Unbestimmte Ausdrücke und der Einschnürungssatz

Setze n→∞n\to\infty zuerst im Kopf ein. Kommt eine normale Zahl heraus, bist du über die Grenzwertsätze fertig. Kommt dagegen einer dieser Ausdrücke heraus, sind die Grenzwertsätze nicht anwendbar:

∞∞,00,∞−∞,0⋅∞,1∞.\frac\infty\infty,\qquad \frac00,\qquad \infty-\infty,\qquad 0\cdot\infty,\qquad 1^\infty.

Die häufigsten Irrtümer: ∞∞\frac\infty\infty ist nicht 11, ∞−∞\infty-\infty ist nicht 00, und 1∞1^\infty ist nicht 11. Dass die Form allein nichts aussagt, zeigen drei Brüche desselben Typs: nn2→0\frac{n}{n^2}\to0, nn→1\frac nn\to1, n2n→∞\frac{n^2}{n}\to\infty.

Erst umformen, dann den Grenzwert bilden.

Einschnürungssatz (Sandwich)

Das Mittel gegen schwankende Terme wie (−1)n(-1)^n, sin⁡n\sin n oder cos⁡n\cos n, deren Grenzwert für sich allein gar nicht existiert.

Satz. Gilt bn≤an≤cnb_n\le a_n\le c_n für alle hinreichend großen nn und haben die äußeren Folgen denselben Grenzwert lim⁡bn=lim⁡cn=L\lim b_n=\lim c_n=L, so konvergiert auch ana_n gegen LL.

Schätze dazu den schwankenden Teil durch seine feste Schranke ab und teile die Ungleichungskette durch den wachsenden Nenner:

−1≤cos⁡n≤1⟹−1n≤cos⁡nn≤1n.-1\le\cos n\le1 \qquad\Longrightarrow\qquad -\frac1n\le\frac{\cos n}{n}\le\frac1n.

Beide Ränder sind Nullfolgen, also gilt

lim⁡n→∞cos⁡nn=0.\lim_{n\to\infty}\frac{\cos n}{n}=0.

Genauso folgt (−1)nn2→0\frac{(-1)^n}{n^2}\to0 und sin⁡nn→0\frac{\sin n}{\sqrt n}\to0.

Merksatz: beschränkte Folge ⋅\cdot Nullfolge == Nullfolge. Ohne den wachsenden Nenner geht es nicht – (−1)n(-1)^n allein divergiert unbestimmt.

7. Wurzelausdrücke umformen

Bei einer Differenz von Wurzeln erweitere mit dem konjugierten Ausdruck:

n2+n−n=nn2+n+n=11+1/n+1⟶12.\sqrt{n^2+n}-n =\frac{n}{\sqrt{n^2+n}+n} =\frac1{\sqrt{1+1/n}+1} \longrightarrow\frac12.

So vermeidest du den nicht definierten Ausdruck „unendlich minus unendlich“.

Musterrechnung

Gesucht ist lim⁡n→∞(n2+3n−n2+4n)\lim_{n\to\infty}\left(\sqrt{n^2+3n}-\sqrt{n^2+4n}\right). Direkt eingesetzt entsteht ∞−∞\infty-\infty, also ein unbestimmter Ausdruck.

1. Konjugiert erweitern.

(n2+3n−n2+4n)(n2+3n+n2+4n)n2+3n+n2+4n\frac{\left(\sqrt{n^2+3n}-\sqrt{n^2+4n}\right)\left(\sqrt{n^2+3n}+\sqrt{n^2+4n}\right)}{\sqrt{n^2+3n}+\sqrt{n^2+4n}}

2. Zähler mit der dritten binomischen Formel. Die Wurzeln verschwinden:

(n2+3n)−(n2+4n)=−n.(n^2+3n)-(n^2+4n)=-n.

3. Im Nenner nn ausklammern. Für n>0n>0 gilt n2x=nx\sqrt{n^2x}=n\sqrt{x}:

n2+3n+n2+4n=n(1+3n+1+4n).\sqrt{n^2+3n}+\sqrt{n^2+4n} =n\left(\sqrt{1+\tfrac3n}+\sqrt{1+\tfrac4n}\right).

4. Kürzen und Grenzwert bilden.

−nn(1+3n+1+4n)=−11+3n+1+4n⟶−11+1=−12.\frac{-n}{n\left(\sqrt{1+\tfrac3n}+\sqrt{1+\tfrac4n}\right)} =\frac{-1}{\sqrt{1+\tfrac3n}+\sqrt{1+\tfrac4n}} \longrightarrow\frac{-1}{1+1}=-\frac12.

8. Rekursive Grenzwerte

Wenn an+1=f(an)a_{n+1}=f(a_n) konvergiert und ff an der Grenzstelle stetig ist, erfüllt der Grenzwert

L=f(L).L=f(L).

Das liefert zunächst nur Kandidaten.

Für a0=0a_0=0 und an+1=(an+6)/2a_{n+1}=(a_n+6)/2 folgt L=6L=6. Die explizite Darstellung an=6(1−2−n)a_n=6(1-2^{-n}) bestätigt die Konvergenz.

9. Checkliste: Welches Verfahren wann?

Setze n→∞n\to\infty zuerst im Kopf ein und schau, welche Form entsteht. Die Form bestimmt das Verfahren.

Was du siehstVerfahrenAbschnitt
eine normale Zahlfertig – Grenzwertsätze direkt anwenden5
∞∞\frac\infty\infty bei einem Bruchdurch die höchste Potenz von nn teilen5
∞−∞\infty-\infty mit Wurzelnkonjugiert erweitern7
(−1)n(-1)^n, sin⁡n\sin n, cos⁡n\cos n im ZählerEinschnürungssatz6
nn im Exponenten, Form 1∞1^\inftyauf (1+xn)n→ex(1+\frac xn)^n\to e^x bringen5
an+1=f(an)a_{n+1}=f(a_n)L=f(L)L=f(L) lösen, Konvergenz extra begründen8

Gradregel für Polynombrüche: Zählergrad << Nennergrad ⇒0\Rightarrow0; gleich ⇒\Rightarrow Quotient der Leitkoeffizienten; größer ⇒\Rightarrow bestimmt divergent.

Reihenfolge in der Klausur: erst einsetzen, dann Form erkennen, dann umformen, erst zum Schluss rechnen. Wer sofort losrechnet, wendet die Grenzwertsätze oft auf unbestimmte Ausdrücke an – der häufigste Punktabzug.

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